Birte Müller: Warum ist der so komisch? – Auf Planet Willi darf man alles fragen!

13.09.2017

Die Illustrationen zu meinem Bilderbuch »Planet Willi« sind im Kinderbuchhaus im Altonaer Museum ausgestellt. Es ist immer etwas Besonderes, die Originale zeigen zu können. Sonst sehen die Menschen ja nur einen Abdruck meiner Bilder. Aber was mich noch viel mehr freut, ist, dort regelmäßig die Möglichkeit zu haben für Schulklassen mit diesem Buch Workshops zu machen. Denn es ist mehr, als nur eine lustige Geschichte…

Inklusion ist ein Wort, das mittlerweile so abgenutzt ist, dass ich es als Mutter eines behinderten Kindes kaum noch hören kann.

Manchmal scheint es mir, als würde mehr Zeit investiert, darüber zu diskutieren, warum es z.B. Inklusion statt Integration heißen soll, als die Sache selber anzupacken. Überhaupt nervt es mich, dass ständig neue Begriffe erfunden werden. Es scheint den Glauben zu geben, dass man Diskriminierung vermeiden könne, indem man das Wort »Behinderung« einfach ausspart und ständig proklamiert, dass ja alle Kinder ganz unterschiedlich seien und dadurch ja eigentlich alle ganz normal. Aber in der Realität verhalten sich behinderte Menschen oft extrem anders und Kinder sollten das Recht haben, auf die Fragen, die sich ihnen stellen, antworten zu bekommen. Und solche Antworten möchte ich in meinem »Planet Willi« Workshop im Kinderbuchhaus geben. Ich erzähle in der Geschichte, dass Willi von einem anderen Planeten kommt und es ihm deswegen manchmal schwerfällt, sich auf der Erde zurecht zu finden. Natürlich verstehen die Kinder, dass Willi nicht wirklich ein Außerirdischer ist. Aber das Gleichnis ermöglicht es uns, Willi nach anderen Kriterien zu beurteilen. Denn auf Willis Planeten wären wir die komischen, die nicht immer Lust haben zum Kuscheln und die extra Sprache brauchen, um sich zu verständigen.

Jedes Kind ist in seinem Leben bereits Menschen mit Behinderungen begegnet und wenn ich mit meinem Sohn Willi unterwegs bin, werde ich oft Zeuge davon, wie Ihnen das Fragen verboten wird oder sie Antworten bekommen, die aus meiner Sicht nicht richtig sind. Denn mein Sohn Willi hat keine »Krankheit« und muss einem auch nicht leidtut. Außer natürlich, er wird von anderen geärgert oder ausgelacht. Genau um solche Dinge geht es in meiner Lesung. Wenn die Kinder selber darauf kommen, dass es eigentlich nie das »Anders-sein« ist, unter dem ein Mensch leidet, sondern fast immer nur die Reaktion seiner Umwelt darauf, dann ist viel erreicht!

Viele Kinder haben bis jetzt leider nicht die Möglichkeit gehabt, einen Menschen mit Behinderung näher kennen zu lernen. Während des Workshops bekommen sie das Gefühl, Willi zu kennen. Oft bekomme ich nach der Lesung ein selbstgemaltes Planetenbild für Willi geschenkt oder Süßigkeiten und Kekse, die ich ihm und seiner Schwester mitbringen soll. Übrigens stellen die Kinder mir viele Fragen, welche meist auch die Erwachsenen interessieren, die sich aber in der Regel nicht trauen, zu fragen: Warum schreit Willi so oft? Warum trägt er noch Windeln? Hat Willi eigentlich Freunde? Und sind die auch behindert? Hättest Du Dir nicht lieber ein ganz normales Kind gewünscht? Liebst Du dein behindertes Kind Willi eigentlich mehr, als deine Tochter Olivia?

Und anders als viele Erwachsenen haben die Kinder auch keine Angst vor Gebärdensprache und lernen mit Begeisterung blitzschnell die Gebärden, die Willi kann – jede Menge Tiere und natürlich alles rund ums Essen.
Denn Willi kann nicht sprechen, er kann sehr viele Sachen nicht, die »normale« Kinder in seinem Alter können. Aber Willi macht das nichts aus, er vergleicht sich nicht mit anderen Menschen. Genau das ist etwas, was man von ihm lernen kann. Manchmal meldet sich ein Kind am Anfang der Veranstaltung und sagt, dass Willi aber doch bestimmt irgendetwas ganz besonders gut kann, wenn er doch schon so vieles nicht könne. Ich verstehe, welcher Wunsch dahintersteht, nämlich einen Ausgleich zu finden für seine Behinderung. Es ist derselbe Impuls, der so manche Lehrerin vor meinem Workshop dazu bringt mitfühlend zu mir zu sagen: »Ach, ihr Sohn gibt ihnen aber doch bestimmt trotzdem ganz viel zurück«.

Was ich mit meinem Buch und in meinem Workshop vermitteln möchte ist aber eben, dass weder Willi noch irgendein anderer Mensch mit oder ohne Behinderung irgendetwas besonderes leisten muss, um das Recht zu haben, auf der Erde zu leben und geliebt zu werden!

Bis es wirklich ganz normal für uns wird, dass Menschen so sehr unterschiedlich sind, ist es sicher noch ein weiter Weg. Aber hier gehen wir vielleicht einen kleinen Schritt in die richtige Richtung. Und immer wenn uns gute Integrationsklassen besuchen – oder eben Inklusionsklassen oder auch Förderschulklassen (!) – ist es toll zu sehen, wie selbstverständlich Unterschiedlichkeit mancherorts schon gelebt wird! Mit Ihnen lachen wir bei der Lesung immer am meisten!

Birte Müller ist Autorin und Illustratorin, deren Bücher in über zwanzig Sprachen übersetzt sind. In ihren Büchern schreibt sie u.a. über ihr Familienleben mit ihrem Sohn Willi mit Down-Syndrom und ihrer Tochter Olivia mit Normal-Syndrom. Sie schreibt Kolumnen und bietet Werkstätten und Lesungen auf der ganzen Welt an, zum Glück auch im Kinderbuchhaus in Hamburg.
Am Donnerstag, 14.09.2017, erhält Birte Müller vom Harbour Front Literaturfestival das 5. Hamburger Tüddelband, einen Preis für Autoren, die sich mit viel Freude, Kreativität und hoher Qualität der Literatur der jüngsten Leser widmen. Wir gratulieren ganz herzlich und hoffen, dass mehr Preise folgen!

Am Sonntag, 17.09.2017, liest Birte Müller übrigens in der Zinnschmelze für Patienten-Initiative e.V. aus ihrem Buch »Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg«. Der Eintritt ist frei, Gebärdensprachdolmetscherinnen begleiten die Lesung und die Zinnschmelze ist barrierefrei zugänglich.

Fotos: Birte Müller, Wolfgang Schmidt