Ralf Classen - Kulturelle Vielfalt ist der Reichtum der Völker!

31.08.2017

Jetzt ist sie wieder gestartet – zum 18. Mal – die KinderKulturKarawane, die eine Bühne für die Jugend der Welt geworden ist. Und gelebte kulturelle Vielfalt. Rein statistisch haben wir bis heute 60 bis 70 verschiedene Kulturen aus dem Globalen Süden präsentieren können. Dazu diverse kulturelle Ausdrucksformen und eine Idee davon, was der Beschluss der UNESCO Ende der 1990er Jahre bedeuten kann: Kulturelle Vielfalt ist der Reichtum der Völker!
Das Manifest der UNESCO war damals eine klare Antwort auf die Ängste vieler Menschen, andere Kulturen würden die »eigene Kultur« verdrängen. Andere Kulturen sind keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. Das versteht aber natürlich nur, wer nicht von einem statischen Kulturbegriff ausgeht, oder gar von einer Leitkultur, deren »Identität« im Händeschütteln besteht und übersieht was sich in der Bussi-Bussi-Gesellschaft breitgemacht hat.


Die indische Theater- und Tanzgruppe THE DREAMCATCHERS arbeitete 2016 eine Woche lang zum Thema Klimagerechtigkeit an der Stadtteilschule Eidelstedt

Von Oase zu Oase

Eine Kollegin formulierte den Charme der KinderKulturKarawane einmal so: »Die Gruppen der KinderKulturKarawane reisen von Oase zu Oase, um ihre kulturellen Schätze auszubreiten.« Und in diesen Oasen sind junge Menschen, die diese Schätze zu würdigen wissen. Oft sehr zur Überraschung des lehrenden Personals. Wie oft haben wir bei der Frage, ob eine Schule nicht eine Gruppe der KinderKulturKarawane einladen wolle, gehört, dass man ja schließlich schon mindestens 24 verschiedene Kulturen an der Schule habe, da sei eine weitere von außen nicht nötig. Ist es uns dann doch gelungen, einzelne engagierte Lehrende davon zu überzeugen, eine Gruppe einzuladen, war die Überraschung groß: nicht nur, dass die SchülerInnen begeistert waren vom Besuch der Gruppe, vom Bühnenprogramm und vor allem von einem Workshop, in dem sie von den Peers aus dem Globalen Süden wirklich etwas lernen konnten. Da gibt es mehr Konsequenz: nach dem Besuch wurden die MitschülerInnen, die sich selbst als VertreterIn einer anderen Kultur sahen, als solche überhaupt wahrgenommen. Der Besuch der KinderKulturKarawane brachte ihnen Wertschätzung, die sie bis dahin nicht erfahren hatten. Ihr Selbstbewusstsein wurde gestärkt. Das hatte integrative Kraft, weil auch die alt-deutschen SchülerInnen ihre kulturelle Selbstwahrnehmung hinterfragen mussten.

Nein, die deutsche Kultur ist nicht der Maßstab aller Dinge. Da gibt es mehr, anderes, gleichwertiges in aller Welt. Und wir wagen gar nicht zu schätzen, wie viele andere Kulturen zurzeit in den vielen Unterkünften für Geflüchtete nicht zu ihrem Recht kommen, wahrgenommen zu werden. Gruppen der KinderKulturKarawane haben in den letzten beiden Jahren mit Jugendzentren und Schulen zusammen in Unterkünften für Geflüchtete mit Jugendlichen dort für ein paar Tage jeweils kreativ gearbeitet. Und das war eine Bereicherung für alle Beteiligten und hatte zudem praktische integrative Wirkung. Ganz schlicht wurde den jungen Geflüchteten ein Stück ihrer Würde zurückgegeben.


Die jungen Tänzerinnen von STOP aus Indien werden am 9.,10. und 12.11. im Rahmen der INDIA Week 2017 zu Gast in Hamburg sein. Sie verbinden Tradition und Moderne in ihrem Programm

Die Kraft der Kultur

Die Projekte, die bei der KinderKulturKarawane teilnehmen, haben in ihrer Heimat aus extremer Perspektivlosigkeit über kulturelle Arbeit neue Wege für die Zukunft gefunden, haben ihr Selbstbewusstsein und ihre Würde zurückgewonnen. Sie machen heute Kunst auf sehr hohem Niveau, Kunst, die helfen will, ihre Gesellschaften gerechter zu gestalten. Genau das ist auch der Schlüssel zum Erfolg bei den Peers hier: Kunst und Kultur haben für sie eine Bedeutung für ihren Alltag.

Wenn man diese Erfahrung herausarbeitet, läge es eigentlich nahe, in den Internationalen Vorbereitungsklassen intensiv in kulturellen Projekten zu arbeiten. Innerhalb der IVK, vor allem aber in Verbindung mit den SchülerInnen der dazugehörigen Regelschule. Die Sprache spielt auf einmal eine weniger wichtige Rolle, da die kulturellen Ausdrucksformen die Sprache ersetzen können. Die jungen können ihre Kulturen gleichberechtigt präsentieren und ihre Talente zeigen. Auch die »RegelschülerInnen« haben die Chance, ihre Talente einzubringen, die im Schulalltag normalerweise wenig abgefragt werden. Und genau hier wird sowas wie »Leitkultur« als Messlatte der Integration auf den Müllhaufen der Geschichte wandern: es findet gegenseitige Integration statt. Das gegenseitig gestärkte Selbstbewusstsein, das Rückgewinnen von Würde hilft auch den Schulalltag anders zu gestalten.


Die FANFARE MASOLO aus Kinshasa (ehemalig Hexen- und Straßenkinder) hat im Juni im Jugendclub Burgwedel mit geflüchteten und Hamburger Jugendlichen gearbeitet und bei STAMP das Publikum begeistert

Ja, es hat solche Projekte in Hamburg vereinzelt gegeben, und die waren sogar extrem erfolgreich, wie man hört. Woran scheitert es dann, die kulturelle Teilhabe für alle SchülerInnen stärker in den Vordergrund zu stellen? Sie ist ebenso in den Kinderrechten verankert, wie das Recht auf Bildung. Wir haben die Erfahrung vielfach machen dürfen, dass die jungen Menschen heute viele Talente in sich bergen – sie bleiben in den Schulen verborgen. Die jungen Menschen bergen heute eine immense Vielfalt an kulturellen Ausdrucksformen, sie repräsentieren ein breites Spektrum an kultureller Vielfalt. Wir alle sind aufgerufen, dafür Sorge zu tragen, dass dieser Reichtum als solcher in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Wir alle haben die Aufgabe, Räume und Plätze zu schaffen, in und auf denen diese Vielfalt sich präsentieren kann. Gerade in Hamburg hat man doch Erfahrung in der Wahrung von Reichtum…

Ralf Classen ist Erziehungswissenschaftler und sei mehr als 40 Jahren im Kulturaustausch mit den Globalen Süden engagiert. Seit 2000 ist er künstlerischer Leiter der KinderKulturKarawane und hat das große Glück gehabt, sehr viel von den inzwischen über 100 Partnergruppen aus 36 Ländern lernen zu dürfen. Er arbeitet im „Partnernetzwerk Kultur und Bildung für nachhaltige Entwicklung“ des UNESCO- Weltaktionsprogramms mit und ist Mitglied der Bundesweiten Koalition Kulturelle Vielfalt. Die KinderKulturKarawane ist inzwischen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Weitere Infos

Bilder: KinderKulturKarawane