Wir haben es ja gerade mit Freude in einer Pressemeldung des Deutschen Bundestages gelesen. An der Stiftungsuniversität Hildesheim wurde eine Studie über Kulturpolitik für Kinder in Deutschland durchgeführt.

Die Studie ging von der Frage aus, ob es überhaupt eine dezidierte Kulturpolitik für Kinder gibt und wie diese strukturell gestaltet wird.

Wichtige Schlussfolgerungen der Studie:

 „Wenn (in der Politik) von Kultur die Rede ist, geht es nicht um Kinder, wenn von Kindern die Rede ist, geht es nicht um Kultur!“

Wo sind die Kinder denn Thema? Bei Betreuung, Erziehung, Gesundheit, Sicherheit und Bildung. Kaum bei der Kulturpolitik.

Kulturpolitik für Kinder erscheint nur (?) als Querschnittsaufgabe, ein eindeutiges politisches Konzept fehlt, sie tritt nicht als eigenständiger Politikbereich auf, entsprechend ist sie weder konzeptionell noch finanziell in den Haushaltsplänen festzumachen, die Zuständigkeiten sind verteilt bzw. uneindeutig.

Aber ein Ergebnis der Studie: Die beste Kinderkulturpolitik gäbe es z.Zt. in Hamburg. „Die gestiegene Anzahl der kinderkulturellen Projekte in Hamburg und die daraus resultierende Präsenz der Kinder- und Jugendlichenarbeit in den Medien (hat) zu einer enormen Aufwertung dieses Arbeitsfeldes geführt,,, (so) dass neue Partner und Sponsoren für die Kulturförderung gewonnen werden konnten“.

Der Hamburger Senat ist beim Thema Kulturpolitik für Kinder erfreulich aktiv geworden. Darüber freuen wir uns. Das ist vor allem der Erfolg unserer großartigen Kultursenatorin und ihres engagierten Helfers, Herrn Frömming.

Aber sind wir immer auf dem richtigen Weg zum Ziel? Hat die Senatorin bei diesem Thema im Senat, in der Politik schon die angemessene Unterstützung? Der Senat will nicht gerade wenig erreichen, er will in Hamburg eine Modellregion für Kinder- und Jugendkultur schaffen, ein hohes Ziel, ein großes Wort.

Aber er geht diesen Weg bisher mit sehr wenig Geld, einem sehr kleinen Etat für Kinder- und Jugendkultur, mit Mitteln aus anderen Etats, mit privatem Geld, mit Ehrenamtlern und mit Vernetzungen. 

Das hilft weiter, reicht aber noch nicht, hat auch Nachteile. (Ich weiß, welche Leistung es ist, bei diesem Thema schon mal so weit gekommen zu sein!)

 

1.

Der Senat selbst gibt für die Modellregion der Kinder- und Jugendkultur bisher nur wenig Geld aus. Als Anschubfinanzierung für 6 Maßnahmen des Rahmenkonzepts „Kinder- und Jugendkultur“ wurden für 3 Jahre insgesamt 375.000 € zur Verfügung gestellt. Die waren 2006 ausgegeben. Seit Jahren steht konstant nur ein Betrag von gut 1 Mio zur Verfügung. Ich schätze, es sind 0,5% des Kulturbehördenhaushalts, die für Kinder- und Jugendkultur ausgegeben werden. 

Ich bedaure, dass noch immer recht wenig Kinder die Aufführungen der Staatsoper besuchen und wir schlagen regelmäßig vor, wie man das ändern könnte. Diese Erwachsenenveranstaltungen erhalten jährlich 40 Millionen.

Für die Elbphilharmonie, zu der jetzt gerade eine Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft vorgelegt wurde, die, was das Nutzungskonzept angeht m.E. viele erfreuliche Aussagen enthält, die aber sicher weit überwiegend Veranstaltungen für Erwachsene anbieten wird, werden 242 Mio Euro mobilisiert. 114 Millionen davon gibt die Hansestadt dazu. Die sollen die Millionen haben, Hochkultur ist wichtig, aber teuer, aber es sind Relationen, die nachdenklich machen sollten. 

Für die grundlegende kulturelle Bildung der Kinder und Jugendlichen muss der Senat mehr Geld bereitstellen. Diese Bildungsarbeit rechnet sich in der Regel nicht am Markt  - jedenfalls nicht kurzfristig und nur schwer messbar -  und man kann sie auch nicht vor allem den Zufällen überlassen, dass sich Privatleute finden, die dafür Geld geben. Ich habe gern gelesen, dass der Bürgermeister sich jetzt für ein Projekt mit dem Titel „Bildung statt Kriminalität“ engagiert. Leider musste er erst einen privaten Geldgeber finden, um helfen zu können. Ich denke, es besteht Konsens, dass das Engagement für solche Projekte, z.B. für Bildungsmaßnahmen, die natürlich Geld kosten, wesentlich effektiver ist, als das aktuelle Geschrei nach härteren Strafen!

Der gerade aufblühenden Kinder- und Jugendkulturlandschaft Hamburgs fehlt eine Grundfinanzierung. Man hangelt sich von Jurytopf zu Jurytopf, von Stiftung zu Stiftung. Da geht viel Kapazität verloren, die sonst in kulturelle Bildungsarbeit investiert werden könnte.

2.

Der Senat setzt bei der Modellregion m.E. zu sehr auf das finanzielle Engagement von Privatleuten.

Ca. 4  Mio Euro privates Geld wurden bereits für die Modellregion mobilisiert. Das ist viel Geld. Nicht für einen Senat, aber für die Privatleute, die es gespendet haben. Dahinter stehen engagierte Menschen, die sich ihrer Stadt verantwortlich fühlen und denen wir außerordentlich dankbar sind. Bürgerschaftliches Engagement ist ein kostbares Merkmal einer Gesellschaft.

(Dass sich das so gut in HH entwickelt hat, ist auch ein Erfolg unserer Kultursenatorin und ein Erfolg von Herrn Frömming, ihrem Referenten.)

Aber Privatleute geben ungern Geld in Basisfinanzierungen, geben ungern Geld für traditionell öffentliche Aufgaben, wollen sich von den Projekten auch wieder verabschieden können, geben ihr Geld lieber für befristete Projekte, gern für Events und für Spektakuläres.

Kulturelle Bildung braucht wie alle Bildung zunächst einmal kontinuierlich stattfindende Angebote, Musik- und Kunstunterricht jede Woche und das jahrelang. Projekte, die Privatleute bezahlen, kommen dann dazu. Sie sind wie die Sahne auf der Torte. Aber der Staat muss zunächst erstmal die Torte garantieren.

Man muss aufpassen, dass privates Engagement gut funktionierende Strukturen nicht schwächt. Ich wünsche mir, dass Private öfter fragen, wo funktionierende, bewährte Strukturen sind und dort Geld hinein geben.

Wer sein privates Geld gibt, will meist mitreden, wofür es ausgegeben wird. Das ist sehr nachvollziehbar. Aber die inhaltliche Verantwortung sollte grundsätzlich und überwiegend in öffentlicher Verantwortung bleiben, in einer gemeinnützigen Trägerschaft.

Man sollte auch jedes Mal lange nachdenken, bevor Bildungsaufgaben, auch Aufgaben kultureller Bildung aus den Schulen raus in private Hand gelegt werden. Qualitätssicherung ist wichtig. Ich beobachte mit Gruseln, wie verzweifelt und kurz entschlossen sich Schulleitungen der allgemein bildenden  Schulen manchmal für irgendwelche Kräfte entscheiden, wenn sie noch irgendeinen Nachmittagskurs nicht besetzt haben! 

Es gibt durchaus Privatleute, die Projekte fördern, die es bereits gibt.

Aber wenn private Förderer gesehen werden wollen, finanzieren sie gern das Neue, das noch nicht Dagewesene. Dadurch entstehen häufig neue Projekte. Da fast alle Projekte aber nur Anschubfinanzierungen bekommen, drohen viele in absehbarer Frist auszuhungern oder zu enden, selbst wenn sie sich bewährt haben.

3.

Der Senat setzt sehr auf das Ehrenamt. Zu sehr?

Wir brauchen Ehrenamtler, wir sind jedem dankbar, der sich unbezahlt für das Gemeinwesen engagiert. Diese Menschen sind kostbar, sind große Vorbilder, sie bewirken eine enorme Wertschöpfung, sie entlasten die Staatskasse, den Steuerzahler. Wir brauchen noch viel mehr Ehrenamtler!

Aber sie sollten bei der kulturellen Grundbildung, bei Basisaufgaben nur zusätzlich eingesetzt werden, nicht alleine, nicht hauptsächlich.

Leistungsstarke junge Ehrenamtler bleiben meist nicht lange, sind sofort weg, wenn sie endlich eine bezahlte Arbeit, eine bezahlte Stelle bekommen. Es ist dann schwer, Nachhaltigkeit herzustellen. 

Ehrenamtler können nicht immer verlässlich sein. Ehrenamtlich aktive Seniorinnen und Senioren fallen öfter mal aus, wollen auch mal verreisen, sind leider mal krank, müssen sich auch mal ausruhen, machen den Professionellen auch manchmal zusätzliche Arbeit, besonders wenn sie eigentlich nicht vom Fach sind.

„Man kann nicht alles professionalisieren!“. Die vorschulische und außerschulische kulturelle Bildung braucht dennoch in erster Linie Profis.  Andere kommen dazu.

4.

Die Zuständigkeit für Kultur ist auf mehrere Behörden verteilt. Der Senat tut sich schwer, die kulturellen Aktivitäten der verschiedenen Behörden zu koordinieren, gemeinsame Ziele vereinbaren zu lassen, diese nachhaltig strukturell zu verankern. Die kleine KB kann mit allen ihren interessanten Impulsen in Sachen kultureller Bildung nur begrenzt wirksam werden, wenn die große Bildungsbehörde, über die in den Schulen alle Kinder erreicht werden können, und wenn die Behörde für Soziales und Familie, die für die Bildungsangebote in den Kindertagesstätten zuständig ist, nicht  mitziehen. Erst in letzter Zeit zeichnen sich hier kleine Gemeinsamkeiten ab.

Um diese positiven Ansätze zu festigen und auszubauen, bedarf es einer strukturellen Unterstützung der zwischenbehördlichen Kommunikation.

Um Querschnttsaufgaben wie die der kulturellen Bildung von Kindern und Jugendlichen verantwortlich nachkommen zu können, sollte über eine Strukturreform der Förderinstrumente nachgedacht werden.

5.

Weil der Senat beim Thema Modellregion sehr wenig eigene Maßnahmen finanziert, arbeitet man vor allem als Netzwerker.

Netzwerke, Partnerschaften zu begründen ist zweifellos ein richtiger, zielführender Weg. Vernetzungen können Mobilisierungen bewirken, schaffen Synergien, neue Gemeinsamkeiten, neue Angebote, bewirken mehr öffentliche Aufmerksamkeit, auch mehr Selbstbewusstsein unter den Beteiligten, können insgesamt einen Mehrwert entstehen lassen.

Aber Listen von Vernetzungspartnern können auch Fortschritte vortäuschen.

Vernetzungen werden auch gern empfohlen, wenn Geldmittel nicht zur Verfügung stehen oder nicht zur Verfügung gestellt werden sollen.

Die langen Listen von beteiligten Akteuren oder Projekten, die die Behörden manchmal so vorlegen, wirken gelegentlich zwar wie eine Erfolgsbilanz der Politik. Dabei sind manche der jetzt gepriesenen Projekte ganz ohne Mithilfe der Politik zustande gekommen, ja haben gelegentlich sogar trotz des Desinteresses von Seiten der Politik und der Behörden überlebt.

Mir kommt diese wunderbare, aber beim Thema Modellregion nicht sehr reiche KB-Senatorin manchmal vor wie eine Gartenbesitzerin, die gern Gartenarbeit machen möchte, aber selbst nicht viel im Garten arbeiten darf, die deshalb die Nachbarn bitten muss, sie zu unterstützen. Sie kann meist nur dabeistehen, feuert die Arbeitenden an und schenkt Kaffee ein…

Mein Fazit:

Kinder sind unsere gleichberechtigten Mitbewohner. Immerhin ca. 15% der Bewohner dieser Stadt sind Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr.

Diese Stadt ist nicht nur eine Stadt der Erwachsenen, sie ist auch eine Stadt der Kinder.

Kinder haben kulturell auch eigene Interessen und Bedürfnisse. Sie sollen die kulturellen Beschäftigungen der Erwachsenen kennenlernen, sie müssen aber auch ganz eigene Angebote bekommen.

So wie Eltern ihr Leben umstellen müssen, wenn sie Kinder bekommen, so muss auch die Gemeinschaft sich auf ihre Kinder einstellen, auch beim Thema Kultur. 

Beim Thema Modellregion geht die Hamburger Kulturpolitik klar einen vorbildlichen Weg. Aber der geringe Einsatz öffentlicher Mittel, diese völlig Unterfinanzierung, die noch immer unzureichende Zusammenarbeit zwischen den Behörden, die allzu große Abhängigkeit von privatem Geld, die betonte Mobilisierung von Ehrenamtlern – das sollte nur ein Anfangsstadium sein.

Das Ziel ist die flächendeckende, soziale Benachteiligungen ausgleichende,  komplexe und hochwertige Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Kultur. Kultur von Kindern und Kultur für Kinder.

Ist Kulturpolitik für Kinder doch immer noch ein Thema, dass die Politik nicht so richtig ernst nimmt? Die Mittelvergabepraxis des Senats bei der Kinder- und Jugendkultur zeigt m.E. immer noch die alte Geringerstellung des Kindes. Seine Bedürfnisse, seine Welt hat weniger Gewicht, wird weniger ernst genommen als die Welt der Erwachsenen.

Beispiel Kinderstimmen im Hochbahn-Bus….. Der männliche, erwachsene Fahrer wiederholt doe wunderbare Stationsansage der Kinder noch mal mit kerniger Erwachsenenstimme. Das Imperium schlägt zurück!


© 2008, LAG Kinder und Jugendkultur e.V.