KULTUR IST VIELFALT: BLOG

Im Vorfeld der Bundestagswahl am 24. September 2017 startet die LAG Kinder- und Jugendkultur eine hamburgweite Kampagne für Vielfalt in der Kultur.

Hier im wachsenden Kampagnen-BLOG stellen wir wöchentlich gelungene Hamburger Projekte für Vielfalt in der Kulturellen Kinder- und Jugendbildung vor, informieren über die Hintergründe des Themas und posten BLOG-Beiträge von Hamburger Akteuren der Kulturellen Bildung. Außerdem zeigen wir im Making Of, wie die Kampagnenmotive in Zusammenarbeit mit Studierenden der BTK Hochschule für Gestaltung entstanden ist.
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13.09.2017

Birte Müller

Warum ist der so komisch? – Auf Planet Willi darf man alles fragen!

Die Illustrationen zu meinem Bilderbuch »Planet Willi« sind im Kinderbuchhaus im Altonaer Museum ausgestellt. Es ist immer etwas Besonderes, die Originale zeigen zu können. Sonst sehen die Menschen ja nur einen Abdruck meiner Bilder. Aber was mich noch viel mehr freut, ist, dort regelmäßig die Möglichkeit zu haben für Schulklassen mit diesem Buch Workshops zu machen. Denn es ist mehr, als nur eine lustige Geschichte…

Inklusion ist ein Wort, das mittlerweile so abgenutzt ist, dass ich es als Mutter eines behinderten Kindes kaum noch hören kann.

Manchmal scheint es mir, als würde mehr Zeit investiert, darüber zu diskutieren, warum es z.B. Inklusion statt Integration heißen soll, als die Sache selber anzupacken. Überhaupt nervt es mich, dass ständig neue Begriffe erfunden werden. Es scheint den Glauben zu geben, dass man Diskriminierung vermeiden könne, indem man das Wort »Behinderung« einfach ausspart und ständig proklamiert, dass ja alle Kinder ganz unterschiedlich seien und dadurch ja eigentlich alle ganz normal. Aber in der Realität verhalten sich behinderte Menschen oft extrem anders und Kinder sollten das Recht haben, auf die Fragen, die sich ihnen stellen, antworten zu bekommen. Und solche Antworten möchte ich in meinem »Planet Willi« Workshop im Kinderbuchhaus geben. Ich erzähle in der Geschichte, dass Willi von einem anderen Planeten kommt und es ihm deswegen manchmal schwerfällt, sich auf der Erde zurecht zu finden. Natürlich verstehen die Kinder, dass Willi nicht wirklich ein Außerirdischer ist. Aber das Gleichnis ermöglicht es uns, Willi nach anderen Kriterien zu beurteilen. Denn auf Willis Planeten wären wir die komischen, die nicht immer Lust haben zum Kuscheln und die extra Sprache brauchen, um sich zu verständigen.

Jedes Kind ist in seinem Leben bereits Menschen mit Behinderungen begegnet und wenn ich mit meinem Sohn Willi unterwegs bin, werde ich oft Zeuge davon, wie Ihnen das Fragen verboten wird oder sie Antworten bekommen, die aus meiner Sicht nicht richtig sind. Denn mein Sohn Willi hat keine »Krankheit« und muss einem auch nicht leidtut. Außer natürlich, er wird von anderen geärgert oder ausgelacht. Genau um solche Dinge geht es in meiner Lesung. Wenn die Kinder selber darauf kommen, dass es eigentlich nie das »Anders-sein« ist, unter dem ein Mensch leidet, sondern fast immer nur die Reaktion seiner Umwelt darauf, dann ist viel erreicht!

Viele Kinder haben bis jetzt leider nicht die Möglichkeit gehabt, einen Menschen mit Behinderung näher kennen zu lernen. Während des Workshops bekommen sie das Gefühl, Willi zu kennen. Oft bekomme ich nach der Lesung ein selbstgemaltes Planetenbild für Willi geschenkt oder Süßigkeiten und Kekse, die ich ihm und seiner Schwester mitbringen soll. Übrigens stellen die Kinder mir viele Fragen, welche meist auch die Erwachsenen interessieren, die sich aber in der Regel nicht trauen, zu fragen: Warum schreit Willi so oft? Warum trägt er noch Windeln? Hat Willi eigentlich Freunde? Und sind die auch behindert? Hättest Du Dir nicht lieber ein ganz normales Kind gewünscht? Liebst Du dein behindertes Kind Willi eigentlich mehr, als deine Tochter Olivia?

Und anders als viele Erwachsenen haben die Kinder auch keine Angst vor Gebärdensprache und lernen mit Begeisterung blitzschnell die Gebärden, die Willi kann – jede Menge Tiere und natürlich alles rund ums Essen.
Denn Willi kann nicht sprechen, er kann sehr viele Sachen nicht, die »normale« Kinder in seinem Alter können. Aber Willi macht das nichts aus, er vergleicht sich nicht mit anderen Menschen. Genau das ist etwas, was man von ihm lernen kann. Manchmal meldet sich ein Kind am Anfang der Veranstaltung und sagt, dass Willi aber doch bestimmt irgendetwas ganz besonders gut kann, wenn er doch schon so vieles nicht könne. Ich verstehe, welcher Wunsch dahintersteht, nämlich einen Ausgleich zu finden für seine Behinderung. Es ist derselbe Impuls, der so manche Lehrerin vor meinem Workshop dazu bringt mitfühlend zu mir zu sagen: »Ach, ihr Sohn gibt ihnen aber doch bestimmt trotzdem ganz viel zurück«.

Was ich mit meinem Buch und in meinem Workshop vermitteln möchte ist aber eben, dass weder Willi noch irgendein anderer Mensch mit oder ohne Behinderung irgendetwas besonderes leisten muss, um das Recht zu haben, auf der Erde zu leben und geliebt zu werden!

Bis es wirklich ganz normal für uns wird, dass Menschen so sehr unterschiedlich sind, ist es sicher noch ein weiter Weg. Aber hier gehen wir vielleicht einen kleinen Schritt in die richtige Richtung. Und immer wenn uns gute Integrationsklassen besuchen – oder eben Inklusionsklassen oder auch Förderschulklassen (!) – ist es toll zu sehen, wie selbstverständlich Unterschiedlichkeit mancherorts schon gelebt wird! Mit Ihnen lachen wir bei der Lesung immer am meisten!

Birte Müller ist Autorin und Illustratorin, deren Bücher in über zwanzig Sprachen übersetzt sind. In ihren Büchern schreibt sie u.a. über ihr Familienleben mit ihrem Sohn Willi mit Down-Syndrom und ihrer Tochter Olivia mit Normal-Syndrom. Sie schreibt Kolumnen und bietet Werkstätten und Lesungen auf der ganzen Welt an, zum Glück auch im Kinderbuchhaus in Hamburg.
Am Donnerstag, 14.09.2017, erhält Birte Müller vom Harbour Front Literaturfestival das 5. Hamburger Tüddelband, einen Preis für Autoren, die sich mit viel Freude, Kreativität und hoher Qualität der Literatur der jüngsten Leser widmen. Wir gratulieren ganz herzlich und hoffen, dass mehr Preise folgen!

Am Sonntag, 17.09.2017, liest Birte Müller übrigens in der Zinnschmelze für Patienten-Initiative e.V. aus ihrem Buch »Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg«. Der Eintritt ist frei, Gebärdensprachdolmetscherinnen begleiten die Lesung und die Zinnschmelze ist barrierefrei zugänglich.

Fotos: Birte Müller, Wolfgang Schmidt

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Die neue Ausgabe des Magazins der LAG widmet sich begleitend zur Kampagne dem Schwerpunktthema »Vielfalt«.

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31.08.2017

Ralf Classen

Kulturelle Vielfalt ist der Reichtum der Völker!

Jetzt ist sie wieder gestartet – zum 18. Mal – die KinderKulturKarawane, die eine Bühne für die Jugend der Welt geworden ist. Und gelebte kulturelle Vielfalt. Rein statistisch haben wir bis heute 60 bis 70 verschiedene Kulturen aus dem Globalen Süden präsentieren können. Dazu diverse kulturelle Ausdrucksformen und eine Idee davon, was der Beschluss der UNESCO Ende der 1990er Jahre bedeuten kann: Kulturelle Vielfalt ist der Reichtum der Völker!
Das Manifest der UNESCO war damals eine klare Antwort auf die Ängste vieler Menschen, andere Kulturen würden die »eigene Kultur« verdrängen. Andere Kulturen sind keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. Das versteht aber natürlich nur, wer nicht von einem statischen Kulturbegriff ausgeht, oder gar von einer Leitkultur, deren »Identität« im Händeschütteln besteht und übersieht was sich in der Bussi-Bussi-Gesellschaft breitgemacht hat.


Die indische Theater- und Tanzgruppe THE DREAMCATCHERS arbeitete 2016 eine Woche lang zum Thema Klimagerechtigkeit an der Stadtteilschule Eidelstedt

Von Oase zu Oase

Eine Kollegin formulierte den Charme der KinderKulturKarawane einmal so: »Die Gruppen der KinderKulturKarawane reisen von Oase zu Oase, um ihre kulturellen Schätze auszubreiten.« Und in diesen Oasen sind junge Menschen, die diese Schätze zu würdigen wissen. Oft sehr zur Überraschung des lehrenden Personals. Wie oft haben wir bei der Frage, ob eine Schule nicht eine Gruppe der KinderKulturKarawane einladen wolle, gehört, dass man ja schließlich schon mindestens 24 verschiedene Kulturen an der Schule habe, da sei eine weitere von außen nicht nötig. Ist es uns dann doch gelungen, einzelne engagierte Lehrende davon zu überzeugen, eine Gruppe einzuladen, war die Überraschung groß: nicht nur, dass die SchülerInnen begeistert waren vom Besuch der Gruppe, vom Bühnenprogramm und vor allem von einem Workshop, in dem sie von den Peers aus dem Globalen Süden wirklich etwas lernen konnten. Da gibt es mehr Konsequenz: nach dem Besuch wurden die MitschülerInnen, die sich selbst als VertreterIn einer anderen Kultur sahen, als solche überhaupt wahrgenommen. Der Besuch der KinderKulturKarawane brachte ihnen Wertschätzung, die sie bis dahin nicht erfahren hatten. Ihr Selbstbewusstsein wurde gestärkt. Das hatte integrative Kraft, weil auch die alt-deutschen SchülerInnen ihre kulturelle Selbstwahrnehmung hinterfragen mussten.

Nein, die deutsche Kultur ist nicht der Maßstab aller Dinge. Da gibt es mehr, anderes, gleichwertiges in aller Welt. Und wir wagen gar nicht zu schätzen, wie viele andere Kulturen zurzeit in den vielen Unterkünften für Geflüchtete nicht zu ihrem Recht kommen, wahrgenommen zu werden. Gruppen der KinderKulturKarawane haben in den letzten beiden Jahren mit Jugendzentren und Schulen zusammen in Unterkünften für Geflüchtete mit Jugendlichen dort für ein paar Tage jeweils kreativ gearbeitet. Und das war eine Bereicherung für alle Beteiligten und hatte zudem praktische integrative Wirkung. Ganz schlicht wurde den jungen Geflüchteten ein Stück ihrer Würde zurückgegeben.


Die jungen Tänzerinnen von STOP aus Indien werden am 9.,10. und 12.11. im Rahmen der INDIA Week 2017 zu Gast in Hamburg sein. Sie verbinden Tradition und Moderne in ihrem Programm

Die Kraft der Kultur

Die Projekte, die bei der KinderKulturKarawane teilnehmen, haben in ihrer Heimat aus extremer Perspektivlosigkeit über kulturelle Arbeit neue Wege für die Zukunft gefunden, haben ihr Selbstbewusstsein und ihre Würde zurückgewonnen. Sie machen heute Kunst auf sehr hohem Niveau, Kunst, die helfen will, ihre Gesellschaften gerechter zu gestalten. Genau das ist auch der Schlüssel zum Erfolg bei den Peers hier: Kunst und Kultur haben für sie eine Bedeutung für ihren Alltag.

Wenn man diese Erfahrung herausarbeitet, läge es eigentlich nahe, in den Internationalen Vorbereitungsklassen intensiv in kulturellen Projekten zu arbeiten. Innerhalb der IVK, vor allem aber in Verbindung mit den SchülerInnen der dazugehörigen Regelschule. Die Sprache spielt auf einmal eine weniger wichtige Rolle, da die kulturellen Ausdrucksformen die Sprache ersetzen können. Die jungen können ihre Kulturen gleichberechtigt präsentieren und ihre Talente zeigen. Auch die »RegelschülerInnen« haben die Chance, ihre Talente einzubringen, die im Schulalltag normalerweise wenig abgefragt werden. Und genau hier wird sowas wie »Leitkultur« als Messlatte der Integration auf den Müllhaufen der Geschichte wandern: es findet gegenseitige Integration statt. Das gegenseitig gestärkte Selbstbewusstsein, das Rückgewinnen von Würde hilft auch den Schulalltag anders zu gestalten.


Die FANFARE MASOLO aus Kinshasa (ehemalig Hexen- und Straßenkinder) hat im Juni im Jugendclub Burgwedel mit geflüchteten und Hamburger Jugendlichen gearbeitet und bei STAMP das Publikum begeistert

Ja, es hat solche Projekte in Hamburg vereinzelt gegeben, und die waren sogar extrem erfolgreich, wie man hört. Woran scheitert es dann, die kulturelle Teilhabe für alle SchülerInnen stärker in den Vordergrund zu stellen? Sie ist ebenso in den Kinderrechten verankert, wie das Recht auf Bildung. Wir haben die Erfahrung vielfach machen dürfen, dass die jungen Menschen heute viele Talente in sich bergen – sie bleiben in den Schulen verborgen. Die jungen Menschen bergen heute eine immense Vielfalt an kulturellen Ausdrucksformen, sie repräsentieren ein breites Spektrum an kultureller Vielfalt. Wir alle sind aufgerufen, dafür Sorge zu tragen, dass dieser Reichtum als solcher in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Wir alle haben die Aufgabe, Räume und Plätze zu schaffen, in und auf denen diese Vielfalt sich präsentieren kann. Gerade in Hamburg hat man doch Erfahrung in der Wahrung von Reichtum…

Ralf Classen ist Erziehungswissenschaftler und sei mehr als 40 Jahren im Kulturaustausch mit den Globalen Süden engagiert. Seit 2000 ist er künstlerischer Leiter der KinderKulturKarawane und hat das große Glück gehabt, sehr viel von den inzwischen über 100 Partnergruppen aus 36 Ländern lernen zu dürfen. Er arbeitet im „Partnernetzwerk Kultur und Bildung für nachhaltige Entwicklung“ des UNESCO- Weltaktionsprogramms mit und ist Mitglied der Bundesweiten Koalition Kulturelle Vielfalt. Die KinderKulturKarawane ist inzwischen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Weitere Infos

Bilder: KinderKulturKarawane

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22.08.2017

Kulturelle Teilhabe für Gehörlose

Kurz-Interview mit Martina Bergmann

Martina Bergmann arbeitet für den Museumsdienst Hamburg und ist in der Stadt DIE Instanz für Führungen in Gehörlosensprache durch die Ausstellungslandschaft. Sie trägt mit ihren Angeboten für Erwachsene, Senioren, Kinder und Jugendliche zur Vielfalt in der Kultur bei, indem sie Gehörlosen und Gebärdensprachenkompetenten die Teilhabe und den Zugang ermöglicht.

LAG: Liebe Martina, wie kamst du zu deiner Tätigkeit?

MARTINA BERGMANN: Ich wurde damals in der Schule für Gehörlose und Schwerhörige hier in Hamburg angesprochen, ob ich Interesse an einen Job in der Kunsthalle hätte. Dort habe ich dann als freie Mitarbeiterin angefangen. Meine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, Führungen für Gehörlose und Schwerhörige zu veranstalten. Dann wurde ich einige Jahre später vom Museumsdienst übernommen, um diese Führungen in Gebärdensprache auch in anderen Museen anbieten zu können.

LAG: Was bedeutet für dich Vielfalt in der Kultur?

MARTINA BERGMANN: Vielfalt ist heutzutage wichtiger denn je. Kunst und Kultur spiegeln unsere Gesellschaft. Es ist wichtig, dass wir zusammen kommen können in einer Umgebung, die es erlaubt, uns frei auszudrücken und die die offenen Diskurse fördert und fordert.

LAG: Wie nimmst du kulturelle Vielfalt in Hamburg wahr, muss sich da noch etwas tun?

MARTINA BERGMANN: Kulturell ist Hamburg im Vergleich zu anderen Städten Deutschlands sehr gut aufgestellt, besonders im Bereich der gebärdensprachlichen Angebote. Problematischer sind für mich da eher die Eintrittspreise für einige Museen. Gehörlose/Schwerhörige sind oft nicht besonders vermögend und meiner Erfahrung nach schrecken die Kosten einige davon ab, regelmäßig ins Museum zu gehen.

Für weitere Nachfragen und bei Interesse können gerne Termine vereinbart werden. Wenden Sie sich hierfür gerne an Martina Bergmann, Skype: museumsdiensthh, E-FAX: 040 427 925 324, Bildtel.: 040 311 080 03, Martina.Bergmann@museumsdienst-hamburg.de.
Weitere Infos und Videos mit Martina Bergmann zu den Sonderausstellungen

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15.08.2017

Heike Roegler

Kultur ist Vielfalt.

Für mich persönlich bedeutet Vielfalt eine Bereicherung. Ich muss mein Gegenüber, andere, das Andere wahrnehmen, ggf. aus meiner eigenen Komfortzone heraus kommen, um zu einem Verständnis zu gelangen. Im Idealfall entdecke ich etwas, was mir besonders gut gefällt und ich mir aneignen möchte.

Was bedeutet das in Museen?

Die Objekte

Naheliegend ist es, an die Sammlung eines Hauses, an seine Objekte zu denken.
Im Museum gibt es Objekte jeglicher Art (wir sprechen von Flachwaren, 3D-Objekten, Gemälden und Drucken, Textilien oder Holz u.v.a.).

Persönliche Bezüge und kreative Zugänge können Anlässe geben, sich mit den Objekten auseinander zu setzen. Wo kommen sie her? Welche Geschichten haben sie? Ein Austausch mit anderen Menschen dazu ist wünschenswert. Interessant ist dann die Frage: Welchen Zugang hat dabei mein Gesprächspartner?

Menschen sind vielfältig. Und unsere Gesellschaft verändert sich stetig.

Die Menschen

Ich wurde neulich gefragt, ob ich statt der Dinge nicht den Menschen mehr in den Fokus nehmen kann. Im Museum sind wir es gewohnt, von den Dingen zum Menschen zu schauen, da sich in unserer Arbeit alles um die Objekte dreht. Wir sammeln sie, beforschen sie, bewahren und vermitteln sie.

Interessant wird es, wenn man über die Auswahl der Dinge nachdenkt, denn sie verrät etwas über die verschiedenen Weisen der Welterzeugung der Menschen (Nelson Goodman), die ihnen zugrunde liegt.
Objekte mit ihren Geschichten (historisch wie aktuell) geben auf diese Weise eine Menge Anlass zu vielfältigen Gedanken.

Heißt das also, dass Vielfalt selbstverständlich im Museum gegeben ist?
Nicht so ganz. Ehrlicherweise ist die klassische Museumswelt vom Bildungsbürgertum geprägt, obwohl es immer wieder den Ansatz der Bildung für alle gab.

Vielfalt durch Partizipation?

Aber es bewegt sich was. Vor allem in dem Bereich meiner Arbeit, in der Vermittlung, wird viel stärker in Richtung eines »partizipativen Museums, das Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen fördert und Integration als wechselseitigen Prozess versteht« (Deutscher Museumsbund) gedacht.

Der deutsche Museumsbund formuliert das so:
»In einer Einwanderungsgesellschaft, wie wir sie in Deutschland haben, führt die kulturelle Vielfalt auch in der Museumsarbeit zu einem Perspektivwechsel und einer Neuorientierung. Dies folgt aus der Museumsdefinition des Internationalen Museumsrats ICOM, die Museen als gemeinnützige Einrichtungen ,im Dienst der Gesellschaft und ihrer Entwicklung’ … Ein Perspektivwechsel erlaubt einen neuen Blick auf das Museum und aus dem Museum heraus. Die aktive Mitwirkung der Besucher ermöglicht im Idealfall eine neue Verständigung über Geschichte und Gegenwart, Kultur und Umwelt und vieles mehr beschreibt.« (Museen, Migration und kulturelle Vielfalt, Seite 7 )

Fazit

Die Hamburger Museen finden auf viele Arten und Weise Wege, Teilhabe zu fördern. Kreativ, informativ, inklusiv. Dialoge entstehen sowohl nach außen, aber auch in die Häuser hinein, denn es sind alle gefragt, die Vielfalt der Kultur zu entdecken und transportieren. Das ist nicht immer einfach und fordert auch mal heraus. Aber es ist bereichernd, weil wechselseitige Kommunikation stattfindet und ein gegenseitiges Verständnis entstehen kann.

Und all das ist ein Grund, warum ich meine Arbeit so mag, dass ich so viel entdecken und erfahren kann. Kultur ist Vielfalt und Vielfalt bereichert mich.

Abschließen möchte ich noch einmal mit einem Zitat des Deutschen Museumsbunds, das die Vielfältig der Gesellschaft beschreibt: »Es stellte sich heraus, dass je nach Einstellungen und Präferenzen, sozialer Lage und Bildungsgrad, die Wertschätzung und Nutzung kultureller Angebote zwischen den einzelnen Milieus stark differiert. Innerhalb der Milieus sind dagegen kaum Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu erkennen. Für die Museumsarbeit spielt deshalb das Wissen um soziale Milieus jenseits ethnischer Zuschreibungen eine wesentliche Rolle: »Menschen mit Migrationshintergrund« gibt es nicht als eine homogene Zielgruppe, die mit speziellen Angeboten geworben werden könnte. Sie sind in allen sozialen Milieus vertreten. Dies bedeutet für die Museen, dass alle ihre Angebote der Vielfältigkeit der Gesellschaft Rechnung tragen sollten.« (Museen, Migration und kulturelle Vielfalt, Seite 11)

Lesen Sie hier dazu Heike Roeglers Zusammenstellung von beispielhaften Projekten von Hamburger Museen

Heike Roegler, Altonaer Museum und Kinderbuchhaus
heike.roegler[at]altonaer-museum.hamburg.de

Heike Roegler hat Empirische Kulturwissenschaft studiert und eine Leidenschaft für Geschichten. Sie leitet die Leitung der Museumspädagogik/Bildung und Vermittlung in der Stiftung Historische Museen Hamburg, Altonaer Museum und ist freie Mitarbeiterin im Bereich Programmorganisation im Hamburger Kinderbuchhaus sowie freie Dozentin mit dem Arbeitsschwerpunkt Interaktives Geschichtenerzählen und Leseförderung.